CircSmeltSteel: CO2-arme und kreislauforientierte Verwertung von Sekundärrohstoffen in Elektroöfen zur Erprobung einer hochwertigen Stahlherstellung mit hervorragenden Produkteigenschaften

Hori­zon Euro­pe, 1. Juli 2026 — 30. Juni 2030

Projektbeschreibung

Das Gesamt­ziel des Pro­jek­tes CircS­meltS­teel ist es, in einem sys­tem­über­grei­fen­den Ansatz neue Wege für eine zir­ku­lä­re und CO2-arme Eisen- und Stahl­her­stel­lung zu ent­wi­ckeln und zu vali­die­ren. Dabei sol­len metall­ur­gi­sche Neben­pro­duk­te als sekun­dä­re Roh­stof­fe in elek­tri­schen Schmelz­ag­gre­ga­ten genutzt und so Stoff­kreis­läu­fe in der Stahl­in­dus­trie bes­ser geschlos­sen werden.

Im Mit­tel­punkt ste­hen zwei CO2-arme Pro­zess­rou­ten: der Elec­tric Smel­ting Fur­nace (ESF) zur Her­stel­lung von grü­nem Roh­ei­sen und der Elec­tric Arc Fur­nace (EAF) zur Her­stel­lung von Roh­stahl. Betrach­tet wird die gesam­te Pro­zess­ket­te – von der Auf­be­rei­tung pri­mä­rer und sekun­dä­rer Ein­satz­stof­fe über ESF, EAF, Sekun­där­me­tall­ur­gie und Gie­ßen bis hin zu Warm­wal­zen, Kalt­wal­zen und Glü­hen der fer­ti­gen Stahl­pro­duk­te. Die Lauf­zeit des Pro­jek­tes beträgt 48 Mona­te; das Pro­jekt ist in 10 Arbeits­pa­ke­te geglie­dert. Das Kon­sor­ti­um umfasst 25 Pro­jekt­part­ner aus Indus­trie, For­schung, Anla­gen­bau, Digi­ta­li­sie­rung, Werk­stoff­wis­sen­schaft, Nach­hal­tig­keits­be­wer­tung und Sozialwissenschaften.

Aus­gangs­si­tua­ti­on und Motivation

Die Stahl­in­dus­trie befin­det sich in einem tief­grei­fen­den Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess, in dem klas­si­sche CO2-inten­si­ve Pro­zess­rou­ten wie Sin­ter­an­la­ge, Hoch­ofen und Kon­ver­ter zuneh­mend durch CO2-arme Tech­no­lo­gien ersetzt oder ergänzt wer­den sol­len. Gleich­zei­tig fal­len gro­ße Men­gen metall­ur­gi­scher Neben­pro­duk­te wie Stäu­be, Schläm­me, Schla­cken und Walz­zun­der an, die heu­te teil­wei­se in inte­grier­ten Hoch­ofen-Kon­ver­ter-Rou­ten wie­der­ver­wer­tet, extern behan­delt oder in Ein­zel­fäl­len depo­niert wer­den. Mit dem per­spek­ti­vi­schen Weg­fall von Sin­ter­an­la­gen und Hoch­öfen ent­steht daher eine Lücke in den bis­he­ri­gen Recy­cling­pfa­den der Stahl­in­dus­trie. CircS­meltS­teel setzt genau an die­ser Stel­le an und unter­sucht, wie Neben­pro­duk­te aus der Hoch­ofen-Kon­ver­ter-Rou­te, der EAF-Rou­te und der Sekun­där­me­tall­ur­gie gezielt in ESF- und EAF-Pro­zes­sen ein­ge­setzt wer­den kön­nen. Für den ESF wer­den unter ande­rem Hoch­ofen­staub, eisen­rei­che Frak­tio­nen aus Roh­ei­sen­ent­schwe­fe­lungs­schla­cke, BOF-Schla­cke und EAF-Staub betrach­tet. Für den EAF ste­hen bei­spiels­wei­se Walz­zun­der, EAF-Nach­ver­bren­nungs­staub, Schläm­me aus der inner­be­trieb­li­chen Abwas­ser­be­hand­lung, AOD-Kon­ver­ter­staub sowie EAF- und Pfan­nen­schla­cken im Fokus. Neben metal­li­schen Ein­satz­stof­fen wer­den auch sekun­dä­re Koh­len­stoff­trä­ger unter­sucht, ein­schließ­lich bio­ba­sier­ter Kohlenstoffquellen.

Tech­ni­scher Ansatz

Im Pro­jekt wer­den fein­kör­ni­ge Neben­pro­duk­te zunächst auf­be­rei­tet und agglo­me­riert, damit sie zuver­läs­sig in elek­tri­schen Schmelz­pro­zes­sen ein­ge­setzt wer­den kön­nen. Dazu wer­den ins­be­son­de­re Bri­ket­tie­rung und Mikro­gra­nu­la­ti­on mit­ein­an­der ver­gli­chen, um geeig­ne­te Rezep­tu­ren und Pro­zess­pa­ra­me­ter für den Ein­satz im ESF und EAF abzu­lei­ten. Die her­ge­stell­ten Agglo­me­ra­te wer­den anschlie­ßend gemein­sam mit pri­mä­ren Eisen­trä­gern wie DRI bezie­hungs­wei­se HBI, Schrott, Koh­len­stoff­trä­gern und Schla­cken­bild­nern in den Schmelz­pro­zes­sen eingesetzt.

Im ESF soll grü­nes Roh­ei­sen erzeugt wer­den, das anschlie­ßend im EAF zu Roh­stahl wei­ter­ver­ar­bei­tet wird. Par­al­lel dazu wird auch der direk­te Ein­satz von Neben­pro­duk­ten im EAF unter­sucht, um eine eigen­stän­di­ge EAF-Rou­te zur Ver­wer­tung sekun­dä­rer Roh­stof­fe zu bewer­ten. Die erzeug­ten Stahl­pro­ben wer­den anschlie­ßend sekun­där­me­tall­ur­gisch behan­delt, wobei ins­be­son­de­re Ent­sti­ckung, Ent­schwe­fe­lung, Ent­phos­phor­ung und das Ver­hal­ten nicht­me­tal­li­scher Ein­schlüs­se unter­sucht werden.

Durch Gieß­ver­su­che und wei­ter­füh­ren­de Ana­ly­sen wird bewer­tet, wie sich erhöh­te Gehal­te an Begleit- und Spu­ren­ele­men­ten auf Ober­flä­chen­feh­ler, Segre­ga­ti­on und Stahl­rein­heit auswirken.

Im Down­stream-Bereich ste­hen Warm­wal­zen sowie Glü­hen nach dem Kalt­wal­zen als zen­tra­le Pro­zess­schrit­te im Fokus. Für die­se Schrit­te wer­den phy­si­ka­lisch und daten­ba­siert gestütz­te Model­le ent­wi­ckelt, mit denen sich Mikro­struk­tur und Pro­duk­tei­gen­schaf­ten auch bei schwan­ken­den che­mi­schen Zusam­men­set­zun­gen gezielt ein­stel­len lassen.

Bei­trag der RWTH

Die RWTH ist im Pro­jekt ins­be­son­de­re an der Unter­su­chung der EAF-Rou­te sowie an der Model­lie­rung der ESF- und EAF-Pro­zes­se betei­ligt.  Im Rah­men der EAF-Ver­su­che wird unter ande­rem ein zwei­pha­si­ger AC-EAF mit einer Metall­pro­duk­ti­on von bis zu etwa 200 kg ein­ge­setzt, um den Ein­satz koh­len­stoff­hal­ti­ger, selbst­re­du­zie­ren­der Bri­ketts und metall­ur­gi­scher Neben­pro­duk­te zu unter­su­chen. Gemein­sam mit Tecna­lia wird zudem der AC- und DC-EAF-Betrieb ver­gli­chen, um die Ver­wer­tung von Neben­pro­duk­ten in unter­schied­li­chen elek­tri­schen Ofen­kon­zep­ten bes­ser zu verstehen.

Dar­über hin­aus ent­wi­ckelt die RWTH gemein­sam mit wei­te­ren Part­nern ein umfas­sen­des ESF-Modell, das ver­schie­de­ne Betriebs­zu­stän­de, Mate­ri­al­strö­me und Pro­zess­sze­na­ri­en abbil­den soll. Die RWTH lie­fert hier­für ein Ener­gie­ein­trags­mo­dell zur Inte­gra­ti­on in die Mul­ti­phy­sik­si­mu­la­ti­on des BFI.

Wei­ter­hin wird das bestehen­de dyna­mi­sche EAF-Pro­zess­mo­dell auf den ESF-Betrieb mit zir­ku­lä­ren Roh­stof­fen erwei­tert und ent­spre­chend adap­tiert. Die Model­lie­run­gen unter­stüt­zen die Über­tra­gung der Ver­suchs­er­geb­nis­se auf grö­ße­re und indus­tri­ell rele­van­te Maßstäbe.

Nach­hal­tig­keit und Wirkung

CircS­meltS­teel soll einen Bei­trag zur Trans­for­ma­ti­on der euro­päi­schen Stahl­in­dus­trie hin zu kli­ma­neu­tra­len, zir­ku­lä­ren und digi­ta­li­sier­ten Wert­schöp­fungs­ket­ten leis­ten. Durch den Ein­satz von Neben­pro­duk­ten in ESF und EAF kön­nen pri­mä­re Eisen­trä­ger teil­wei­se ersetzt und inter­ne Stoff­kreis­läu­fe bes­ser geschlos­sen wer­den. Ein beson­ders hohes CO2-Min­de­rungs­po­ten­zi­al ergibt sich aus dem ESF, der im Ver­gleich zur klas­si­schen Hoch­ofen­rou­te eine Scope-1-CO2-Reduk­ti­on von mehr als 80 % ermög­li­chen soll.

Zusätz­lich soll der Ein­satz von Bio­koh­le und wei­te­ren sekun­dä­ren Koh­len­stoff­trä­gern dazu bei­tra­gen, fos­si­le Koh­len­stoff­quel­len in der Stahl­her­stel­lung zu reduzieren.

Neben der CO2-Min­de­rung adres­siert das Pro­jekt auch die stoff­li­che Ver­wer­tung von Pro­zess­schla­cken, bei­spiels­wei­se als Zement­zu­satz­stoff, im Stra­ßen­bau oder als sekun­dä­rer Roh­stoff für wei­te­re Anwen­dun­gen. Die öko­lo­gi­sche Bewer­tung erfolgt mit­hil­fe stan­dar­di­sier­ter Life-Cycle-Assess­ment-Metho­den nach ISO 14040 und ISO 14044. Die öko­no­mi­sche Bewer­tung kom­bi­niert Life Cycle Cos­ting und Tech­no-Eco­no­mic Assess­ment, um Investitions‑, Betriebs- und Ska­lie­rungs­per­spek­ti­ven der neu­en Pro­zess­rou­ten abzu­schät­zen. Dar­über hin­aus wer­den sozia­le Aus­wir­kun­gen, neue Qua­li­fi­ka­ti­ons­an­for­de­run­gen und mög­li­che Ver­än­de­run­gen der Arbeits­be­din­gun­gen in der Stahl­in­dus­trie untersucht.

Projektziele

Über­ge­ord­ne­tes Ziel von CircS­meltS­teel ist die Vali­die­rung inno­va­ti­ver, CO2-armer Eisen- und Stahl­her­stel­lungs­rou­ten mit hohem Anteil sekun­dä­rer Roh­stof­fe und gleich­blei­bend hoher Stahlqualität.

Im Fol­gen­den sind die zen­tra­len Teil­zie­le des Pro­jek­tes zusammengefasst:

  • Es sol­len min­des­tens sechs ver­schie­de­ne Neben­pro­dukt­strö­me im Pro­jekt getes­tet werden
  • Im ESF soll ein Neben­pro­dukt­an­teil von bis zu 50 % im Ein­satz­ma­te­ri­al unter­sucht werden
  • Im EAF soll ein Neben­pro­dukt­an­teil von bis zu 20 % im Ein­satz­ma­te­ri­al unter­sucht werden
  • Für ESF und EAF sol­len jeweils min­des­tens drei geeig­ne­te Agglo­me­rat­re­zep­tu­ren ent­wi­ckelt werden
  • Für den ESF wird eine direk­te CO2-Reduk­ti­on von mehr als 80 % gegen­über der Hoch­ofen­re­fe­renz angestrebt
  • Im ESF und im EAF soll der Ein­satz von bis zu 100 % sekun­dä­ren Koh­len­stoff­trä­gern unter­sucht werden
  • Im EAF wird durch den Ein­satz von Bio­koh­le als Schaum­schla­cken­bild­ner eine direk­te CO2-Reduk­ti­on von 25 % sowie eine Reduk­ti­on des fos­si­len Ener­gie­ver­brauchs von 25 % angestrebt
  • Die Eigen­schaf­ten von ESF‑, EAF- und Sekun­där­me­tall­ur­gie­schla­cken sol­len ana­ly­siert und ihr Poten­zi­al für eine stoff­li­che Ver­wer­tung, bei­spiels­wei­se in der Zement- oder Bau­in­dus­trie, bewer­tet werden
  • Das Ver­hal­ten der sechs rele­van­ten Begleit- und Spu­ren­ele­men­te N, P, S, Cu, Mo und Sn soll ent­lang der Pro­zess­ket­te quan­ti­fi­ziert werden
  • Die Qua­li­tät von zwei Stahl­gü­ten, näm­lich Bau­stahl und mikro­le­gier­ter Stahl, soll im Pro­jekt bewer­tet werden
  • Für Down­stream-Pro­zes­se sol­len redu­zier­te Ord­nungs­mo­del­le für die Level-2-Auto­ma­ti­sie­rung ent­wi­ckelt und im Labor­maß­stab demons­triert werden
  • Eine digi­ta­le Platt­form für Daten­er­fas­sung, Daten­ma­nage­ment, Modell­im­ple­men­tie­rung und Modell­nut­zung soll auf­ge­baut und den Pro­jekt­part­nern nach 14 Mona­ten zugäng­lich gemacht werden
  • Eine tech­ni­sche, öko­lo­gi­sche und öko­no­mi­sche Bewer­tung der unter­such­ten Pro­zess­rou­ten soll mit­hil­fe von LCA, LCC, Mate­ri­al- und Ener­gie­bi­lan­zen sowie Busi­ness-Case-Ana­ly­sen durch­ge­führt werden
  • Zusätz­lich soll eine Stra­te­gie zur Kom­pe­tenz­ent­wick­lung für eine zir­ku­lä­re und CO2-arme Stahl­her­stel­lung erar­bei­tet werden

Weitere Informationen

Kontakt

Dr.-Ing. Moritz Eickhoff

 

+49 241 80–26065

Dr.-Ing. Thomas Echterhof

 

+49 241 80–25958

echterhof@iob.rwth-aachen.de 

 

Carsten Gondorf, M.Sc.

 

+49 241 80–26074

Ahmed Farag, M.Sc.

 

+49 241 80–25635

Förderung

Die­ses Pro­jekt wird durch das For­schungs- und Inno­va­ti­ons­pro­gramm Hori­zon Euro­pe der Euro­päi­schen Uni­on unter der För­der-ID 101294187 finanziert.

 

Die För­de­rung erfolgt im Rah­men des Calls “HORIZON-CL4-INDUSTRY-2025–01-TWIN-TRA”.